Datum:: 2025-08-15

woher der Frust mit Zettelkastenliteratur

Zettelkasten und der englische Umweg

Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich wieder intensiver und praktisch mit der Zettelkastenmethodik. Das Angebot an Quellen zum Thema ist seit Sönke Ahrens’ Zettelkastenprinzip enorm gewachsen. Rückblickend erscheint mir die Auseinandersetzung mit vielen englischen Quellen jedoch wenig produktiv – vielleicht sogar kontraproduktiv.

Kürzlich stieß ich auf ein Zitat von Bob Doto aus dem Jahr 2022, das mir im Nachhinein einiges erklärt (Originalquelle):

Could it be that due in part to the rapid increase in interest in zettelkasten over the past two years, the speed at which ideas and opinions about zettelkasten are shared, and the genuine lack of source material on the methodology in English that we are living in an environment of misinformation? It wouldn’t be the first time. Perhaps both criticism of the zettelkasten and misinterpreting it as a note storage system are each the result of making sense of something that for the vast majority of people has not matured with age.

Seit dem Hype um „Note-Taking“ tauchen überall im Netz Erklärungen und Methoden auf, die sich – mehr oder weniger – auf Niklas Luhmanns Zettelkasten berufen. Englisch gilt in der Informationstechnik oft als universelle Plattform der Verständigung. Bei der Zettelkastenmethode erscheint mir diese Regel als deutschsprachigem Leser zunehmend fragwürdig.

Allzu viele Debatten um Begriffe und Methoden entpuppen sich bei genauerem Hinsehen als Missverständnisse, genährt von kreativer, aber ungenauer Begriffsbildung. Es beginnt schon beim Wort „Zettel“: Im Deutschen unterscheidet man klar zwischen Notizen, Notizzetteln, Einkaufszetteln usw. Durch Wortkombinationen entstehen präzise Typen („Literaturzettel“, „Stichwortzettel“). Das englische „note“ dagegen ist viel unschärfer.

Wenn der bekannteste Zettelkasten der Welt nun aus einem Berg deutschsprachiger Zettel besteht und seit Jahrzehnten von Wissenschaftlern in Deutschland erforscht wird, wirkt die Suche nach der Methode im englischen Sprachraum wie ein Umweg. Sie erinnert an die Suche nach dem verlorenen Schlüssel unter der Laterne – nicht, weil er dort liegt, sondern weil es dort heller ist.


Quellen